
Ehepaartour…das klingt altmodisch und wie aus der Zeit gefallen. Und genauso ist es im Juli diesen Jahres gewesen. Ein Rudermärchen auf der Weser. Es kommt ein echter Rattenfänger darin vor, ein Kanadier und ein Iberer, Pinocchio und Graf Dracula, fortgeschrittene Paddelmanöver, bayrische Brezn, Helden, Schnapsnasen und Rallyefahrer, Wald und Berge und natürlich ein malerischer Fluß.
Bei dem Iberer handelt es sich übrigens um meinen spanischen Mann Pedro, der genau wie ich zum ersten Mal mit dabei war. Als verheiratetes Paar waren wir im Vorfeld sehr herzlich zum Mitrudern eingeladen worden und hatten uns sehr auf eine beschauliche Wanderfahrt mit den älteren Semestern des CRC gefreut. Unsere Erwartungen sollten jedoch eines Besseren belehrt werden. Wir waren zwar nicht im, sondern mit einem Kanadier unterwegs, der sein Team unter anderem zu gefährlichen arktischen Kentertechniken anregen sollte. Aber von Anfang an.
Am Anfang waren wir zu spät. Die älteren Ehepaare, lustigen Witwen und Junggesellen, waren bereits in einem Lokal am Weserufer versammelt. Wir Nachzügler hatten die Abenteuer der Hinfahrt verpasst, als scheinbar die gesamte Minna-Besatzung in einen Baumarkt eingefallen war, um fehlende aber notwendige Teile für die mitgebrachten Ruderboote einzukaufen und sie dann Ort und Stelle einzubauen. Steuerseile und Trittbretter wurden einfach improvisiert. Schnell dämmerte uns, dass des sich bei der so harmlos anmutenden Truppe ausnahmslos um nicht zu unterschätzende Ruderhaudegen handeln musste.
Der erste Rudertag begann mit einer Rallye im Siebensitzer nach Holzminden. Unser wortkarger Taxifahrer, dem wir in den nächsten Tagen noch öfter begegnen sollten, hatte mit den vorgeschriebenen Geschwindigkeitsbegrenzungen keinen Vertrag. Schreckstarr hielten wir uns an den Haltegriffen fest, waren viel zu früh an der Ablegestelle und hatten die Boote schon fast fahrbereit, als schließlich die Tourenleitung mit den Zuspätkommern den Steg erreichte. Mit Spannung warten dann alle auf die Bootseinteilung, diesen feierlichen Moment, bei dem Ions ganzes Talent als Entertainer zur Geltung kommt. Überraschenderweise sollten alle Ehepaare ungeachtet des offensichtlichen Konfliktpotentials zusammenbleiben. Wie es Beate geschafft hat, trotzdem nur mit Männern in einem Boot zu sitzen, bleibt ein Rätsel.
An diesem ersten sehr sommerlichen Rudertag liegt besonderes Augenmerk auf den beiden gesteuerten Zweiern. Unser stets zu Späßen aufgelegter Reiseleiter hatte in seinem eigenen Boot schon beim Ablegen die Skulls falsch herum in die Dollen einlegen lassen und sorgte damit für Gelächter bei den Kameraden. Beim Anlegen in Polle trieb er es noch doller. Mit seinen Roonstraßen-Damen versuchte er bei starker Strömung mit nur drei Plätten und einem über kreuz verhakten Steuerseil am Steg anzulegen. Es brauchte 2 Anläufe und die tatkräftige Hilfe aus den anderen Booten, um das Kunststück zu vollbringen. Natürlich haben wir zu diesem Zeitpunkt keinesfalls damit gerechnet, dass das zweite Trio diesen Wagemut noch am gleichen Tag bei Weitem überbieten sollte. Die Mannschaft der Fulda brachte es beim Ablegen nach der Pause gar zur Meisterleistung einer Eskimorolle, heute auch treffend Kenterrolle genannt. Zweifelsfrei wollte das gut eingespielte Ruderduo mit seiner unerschrockenen Steuerfrau den kanadischen Lehrmeister beeindrucken. Schade war nur, dass wir anderen das Malheur verpassten, weil die übrigen Boote schon ein ganzes Stück die Weser hinuntergerudert waren. Unter Einsatz ihres Lebens und bis zum Bauchnabel im Wasser rettete Team Fulda sein Boot, sämtliches Equipment und sogar Utas Lakritzen, die im Becher über die Wellen trieben. Einzig der Flaggenstiel hatte die Drehung nicht überlebt und sorgte für wilde Vermutungen als die drei zum Ende der Tagesetappe endlich zu uns aufschlossen. Das Trio behielt sein feuchtes Abenteuer jedoch bis zum Abendessen für sich. Da es weder Zeugen noch Fotos gibt, können wir diese Geschichte wie alles andere nur glauben.

Nicht nur die Erlebnisse auf dem Wasser, sondern auch die gemeinsamen Abende in den verschiedensten von Ion mit Sorgfalt ausgelesenen Restaurants sind einen Bericht wert. Hameln hat nicht nur eine malerische Altstadt und das Weserufer zu bieten, sondern auch Berge und Wald. Und genau dort fand unser zweites Abendessen statt, auf einer Anhöhe im Wald. Ion & friends wollten unbedingt draußen sitzen, viele andere hatten jedoch Bedenken wegen Kälte und Mücken. Am Ende saßen wir alle glücklich in ritterhafte Decken gewickelt im Biergarten. Die rote Beete auf Christophs weißem Hemd gab dem mittelalterlichen Ambiente zusätzlich einen Touch von Graf Dracula. Dabei mag Ion gar keine rote Beete. Das denkt zumindestens Iris. Ein wunderschöner Abend mit so schlecht organisierten Kellnern, dass Beate kurz überlegte, als Servicekraft im Forsthaus Finkenborn anzufangen.
Am zweiten Rudertag wurde das Team nach kanadischer Art aufgemischt, Paare auseinander gerissen und neu aufgeteilt. Das Schwimmteam wurde aus Sicherheitsgründen getrennt, Fulda und Weser den Frauen vorbehalten. Ion selbst war im sogenannten „Bullenboot“ nicht nur mit der größten Manneskraft, sondern auch mit dem grössten Weinvorrat unterwegs. Der zweite Vierer ging an den pittoresk anmutenden Pinocchio, der mit hölzerner Schlagkraft und Schlapphut sein Boot sicher über die Weser führte. Beate war wieder nur mit Männern an Bord. Obwohl Ion absichtlich verwirrende Anweisungen in Bezug auf Backbord und Steuerbord gab, konnten die Erlebnisse des ersten Rudertags nicht mehr getoppt werden. Alles in allem eine sehr gemütliche Tagesetappe, bei der die Stunde der Mönche praktisch den ganzen Vormittag zelebriert wurde und das sonnige Wetter in der Mittagspause zum Baden einlud.

Die Mittagspause fand in einer in einer übergroßen Almhütte in Grohnde statt. Die Speisekarte war entsprechend auf bayrisch verfasst. Auch das ist eine neue Erkenntnis dieser Rudertour: Die Weserbergländer lieben das deftige bayrische Essen und die alpenländischen Biervierfalt. Selbst der Hamelner Rattenkrug setzt inzwischen auf süddeutsche Kulinarik. Rolf hat die Gelegenheit genutzt, dem spanischen Pedro das Kristallweizen als Champagner unter den Bieren näher zu bringen. Leider fand die LKS wegen der Gewitteransage in verkürzter Ausführung statt. Der Nachmittag war dann zwar etwas kühler, aber der Regen blieb aus. Die Ankunft am Hamelner Ruderclub war dann früher als erwartet, was die CRCler teils nutzten, um im benachbarten BeachClub einer Bandprobe beizuwohnen.

Der Ort des Abendessens war wieder spektakulär, diesmal auf dem Hamlener Hausberg mit Aussicht über Stadt und Land. Wie es der glückliche Zufall will, haben wir im CRC einen waschechten Hamelner, Günter, der uns einiges historisches über den Klütberg, seinen Turm, aber auch den Instrustrie- und Wirtschaftsstandort erzählen konnte. Das Essen war gut; der Service wie schon am Vorabend eher gewöhnungsbedürftig, ganz nach Hamelner Tradition. Aufgrund der schwierigen Akustik fanden ungewöhnliche viele Zigarettenpausen auf der Terrasse statt. Die schöne Überraschung des Abends war die Ankunft von Sven und Martina, die uns Ruderer auf unserer letzten Etappe unterstützen wollten. Auf dem Hamelner Weinfest, das sich vor den Toren unseres Hotels ausgebreitet hatte, fanden wir keinen Einlass mehr, daher fand der Ausklang in der Hotellobby statt. Um Punkt 12.00 Uhr war Schluss mit der Festmusik und auch Ruhe auf den Zimmern.
Das Frühstück in unserem Hotel war übrigens jeden Morgen ein Highlight; alle Wünsche wurden erfüllt. An diesem dritten und letzten Rudertag sind wir direkt in Hameln zu Wasser gegangen. Paare wurden von Ion wieder vereint auf die Boote verteilt. Und, oh Wunder, Beate wieder mit zwei Männern unterwegs (und keiner der beiden der ihrige). Das Wetter war rauher als am Vortag. Wegen der längeren Tagesetappe waren wir von unserem Tourleiter zu zügigem Durchrudern angehalten. Die einzige Schleuste wurde mit Bravour gemeistert, jedoch leider ohne den traditionellen Torgesang. Wir vermissten die sonoren Stimmen von Christa und Uta, die sich an diesem Tag der Fußtruppe angeschlossen hatten. Diese fünf Nichtruderer sorgten währenddessen für das großartigste 5-Sterne-Mittagspicknick und tischten uns eine Vielfalt an Köstlichkeiten des Hamelner Wochenmarktes am Ufer auf. Das Vertäuen der Boote an der Vielnutzerrampe in Großenwieden war abermals ein Abenteuer, das wir nur dank Svens Aktionismus und den umfunktionierten Riemen der Rudersäcke meisterten. Leider mussten wir von dort viel zu schnell wieder aufbrechen, um die verbleibenden 20 km bis Rinteln zu rudern.

Überraschung! Der närrische Tourenleiter kann es einfach nicht lassen. Das Ziel war dann doch plötzlich 8 km näher als erwartet. Für das Anlegemanöver hatten wir jede Menge Zuschauer auf der Terrasse des Rintelner Beach Clubs. Die Boote mussten durch einen Dschungelparcour mit Brennesselmeer geschleppt werden. Die Minna war natürlich wegen der verkürzten Reisezeit noch nicht da. Die nicht erfreuten Fahrerrinnen mussten von ihrem Eis weggeholt werden. Als die Boote endlich verladen waren, kam der allgemeine Wunsch nach einem Gruppenfoto in unseren sportlich blau-weißen Wandershirts auf. Drei muntere Damen wurden als Fotografinnen angeheuert. Was für ein Hallo! Das Trio war schon ganz gut dabei und wollte erstmal ein Foto von sich selbst. Als Belohnung durften wir alle einen Berentzen aus dem Schnapsgürtel probieren, den die Mädels wegen des anstehenden Kegelns schnell loswerden wollten. Die anschließende Fotoszession fiel dementsprechend heiter aus, besonders als die Likördeckelchen auf Anweisung der Fotografin auf die Schnapsnasen gesteckt wurden. Seht selbst.

Die gute Stimmung zog sich durch ganzen letzten Abend. Wir ließen sie uns auch nicht von dem abermals schlechten Service im Rattenkrug verderben. Und mit sonnigen Gemütern traten wir auch am Sonntag morgen unsere Stadtführung an. Bei strömenden Regen wurden uns die verschiedenen Versionen der Hamelner Legende näher gebracht, die an vielen der reich verzierten Fachwerkfassaden geschrieben steht. Und mit dieser faszinierend verführerischen Gestalt des Rattenfängers wurden wir schließlich aus der Stadt gelockt, zurück ins heimatliche Krefeld.

„Der Bericht muss nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen, aber unterhaltsam soll er sein.“ Und ich habe mich strikt an die Anweisung unserer Tourenleitung gehalten.

